Die Weiche und das zugehörige Signallicht , das die Fahrtrichtung anzeigt, funktionierten einwandfrei. Auch das in der Straßenbahn installierte Sicherheitsbremssystem – ein System der neuesten Generation, bei dem technische Mängel unwahrscheinlich sind – löste nicht aus, bevor der Fahrer die Kontrolle über das Fahrzeug verlor, das mit fast 50 km/h, der Höchstgeschwindigkeit, unterwegs war, ins Schleudern geriet und verunglückte.

Dieses Bild ergab sich aus den ersten Ermittlungen vom vergangenen Freitag unmittelbar nach dem Unfall der Tramlink-Linie 9 auf der Viale Vittorio Veneto in Mailand, bei dem zwei Menschen ums Leben kamen und rund 50 verletzt wurden . Es untermauert die wahrscheinlichste Hypothese eines menschlichen Versagens, verursacht entweder durch Krankheit oder Ablenkung des Fahrers, gegen den derzeit als Einziger wegen des Zugunglücks, der Verletzungen und der fahrlässigen Tötung ermittelt wird. Die genaue Ausrichtung der von der Mailänder Staatsanwaltschaft koordinierten und der örtlichen Polizei übertragenen Ermittlungen wird sich nach Abschluss der technischen Untersuchungen ergeben, die in den kommenden Tagen beginnen sollen.

Es wird erwartet, dass die Beteiligten, die Anwälte der Opfer und des Straßenbahnfahrers sowie alle weiteren Verdächtigen benachrichtigt werden, damit sie sich mit ihren Beratern an den Ermittlungen beteiligen können. Gleiches gilt für die Autopsie, die in Kürze an den Leichen der beiden Opfer, Ferdinando Favia und Okon Johnson Lucky, durchgeführt wird. Um den Hergang des Unfalls aufzuklären, ist die Auswertung des Fahrtenschreibers – obwohl ein technischer Defekt bei einem solchen Fahrzeug unwahrscheinlich ist – von entscheidender Bedeutung: Anhand dessen lässt sich feststellen, ob ein Fehler vorlag, auch wenn viele dies bereits ausgeschlossen haben. Im Hinblick auf das mutmaßliche menschliche Versagen ist die Analyse jedoch unerlässlich, und zwar nicht nur der Gespräche des Straßenbahnfahrers mit der Leitstelle, sondern auch seines beschlagnahmten Mobiltelefons. Es muss geklärt werden, ob er eine Störung, „Anomalien“ oder die plötzliche Krankheit gemeldet hat, die – wie er von Anfang an behauptete – vor dem Aufprall zu seiner Bewusstlosigkeit führte, gefolgt von dem Anruf, in dem er murmelte: „Entgleisung … schlimm, schlimm, schlimm.“

Oder es handelte sich um eine fatale Ablenkung, beispielsweise eine SMS vom Handy. Um den Sachverhalt zu rekonstruieren, werden die Videoaufnahmen – sowohl die der Kameras in der Straßenbahn als auch die der externen Kameras an der Kreuzung, an der der Zug entgleiste – ausgewertet und filmtechnisch begutachtet. Anschließend werden unter anderem die Krankenakten des Geldautomatenmitarbeiters geprüft, um festzustellen, ob er an einem vasovagalen Syndrom oder anderen Erkrankungen litt. Ergänzend werden die Aussagen derjenigen angehört, die wie durch ein Wunder überlebt haben.

(Unioneonline)

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