Anfang der 1960er-Jahre befand sich Spanien in einer Art Schwebezustand. Francisco Franco herrschte seit fast dreißig Jahren, und die internationale Isolation durch die Diktatur verschärfte sich zusehends. Spanien war ein armes Land, Madrid hatte einen trostlosen Vorort, während im Stadtzentrum die Franco-Oligarchie Macht und Reichtum konzentrierte. Die Veröffentlichung des Films „West Side Story“ in Madrid 1963 war ein Schock. Eine ganze Generation von Jugendlichen aus den Madrider Vororten, voller Wut und in Stilettos, zog auf die Straße und ahmte die Gangs aus dem amerikanischen Film nach: Sie tanzten in den Kinogängen, griffen Passanten an, stahlen Autos, flohen vor der Polizei und lieferten sich erbitterte Kämpfe zwischen rivalisierenden Banden. Die gefürchtetste von ihnen waren die „Ojos Negros“, deren Anführer Ángel Luis über unvergleichliches Charisma und einen durchdringenden Blick verfügte. Er liebte spanischen Rock und arbeitete als Indianer in schlechten Western, die in der trockenen Landschaft von Almería gedreht wurden. Zu den Ojos Negros schloss sich schon in jungen Jahren José Luis Pacheco an, der später Gefangener, Legionär und schließlich Dum Dum Pacheco, einer der berühmtesten und gefürchtetsten spanischen Boxer seiner Zeit, werden sollte.

Ausgehend von seiner Begegnung mit Pacheco und seiner Lebensgeschichte („Ich hatte nur drei Idole: Hernán Cortés, Franco und Elvis Presley“) erzählt Servando Rocha in seinem monumentalen Werk „Der Hass in mir“ (Readerforblind, 2026, 23,00 €, 706 Seiten, Übersetzung: Alessandro Giannetti) eine umfassendere Geschichte: die Geschichte des Franco-Spaniens von der Nachkriegszeit bis zum Übergang zur Demokratie. Ein wenig bekanntes Spanien, das Rocha in sechs Jahren Recherche und Interviews mit Schlüsselfiguren jener Ära rekonstruiert hat. So entstand ein Werk, das Roman, Reportage und Memoiren zugleich ist. Ein vollendetes Œuvre.

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Rocha taucht tatsächlich so tief in den Gegenstand seines Buches ein, dass ein wahrhaft offener Dialog mit seinen Lesern entsteht.

„Ich stand kurz davor, einen unwirtlichen und gefährlichen Ort zu betreten, ein schlammiges, brutales und unbekanntes Spanien. Ich ging mit einer Taschenlampe dorthin, Stufe für Stufe hinab. Ich zitterte“, schreibt der Autor in seinem Buch, und tatsächlich wird man in den Sumpf einer kriminellen Unterwelt hineingezogen, in der das Leben der Protagonisten von vornherein zum Scheitern verurteilt scheint. Dramatische Momente, für Leser mit starkem Magen, wechseln sich mit surrealen Ereignissen ab, mit Momenten von derbem und grausamem Humor, in denen sich Tragik und Komik vermischen, wie es manchmal im wahren Leben vorkommt.

Rocha erweist sich als Meister darin, den Kontext zu beschreiben, in dem die Protagonisten des Buches agieren: ein gezeichnetes und wütendes Madrid, beherrscht von Straßengangs und Polizeiwagen. Doch es sind die Charaktere, die diesem Roman Tiefe verleihen und eine ganze Welt und eine ganze Ära schildern: Famoso Dongil, der spanische Muhammad Ali, der in einem Tupamaros-Poncho in den Ring stieg und sich für unbesiegbar hielt; Pelayo, der erste iberische Rockmusiker, der schließlich in einer Pianobar auf den Kanarischen Inseln für Touristen sang; dann ist da noch der geheimnisvolle Mariano Revilla, die Nummer zwei der Ojos Negros, dessen Körper von zwei Metern Narben bedeckt ist; und der falangistische Dichter Dionisio Ridruejo. Um sie herum bewegt sich eine ganze Grenzgänger-Menschheit, bestehend aus Pop-begeisterten Anti-Francoisten, Nazis und Nostalgikern, die auf der Suche nach Erlösung und einer zweiten Chance nach Spanien kamen und vielleicht linke Zeitschriften herausgaben, bis hin zu den Söldnern der französischen OAS, die die Tempel des Madrider Nachtlebens eröffneten. All dies eingebettet in die Marginalisierung und Wut der Vororte, die Immobilienspekulationen der Franco-Oligarchie und die Verhaftungen in den Zellen der linken Generaldirektion für Sicherheit, die Franco bezahlte.

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