Flucht aus Nigeria, heute trifft Emmanuel im Silì-Trikot
Ein junger Mann, der kaum 18 Jahre alt ist, verabschiedet sich von seiner Familie und spart 1500 Dollar, um die Überfahrt nach Europa zu wagen.Per restare aggiornato entra nel nostro canale Whatsapp
Auf dem Platz gibt er immer alles. Er setzt die Gegner unter Druck, jagt jedem Ball hinterher und kämpft um jeden Ball, als ginge es um Leben und Tod. So ist Emmanuel eben. Doch diese Entschlossenheit entspringt nicht nur seinem Charakter, sondern auch einer bewegenden Geschichte. Denn bevor er zum Stürmer wurde, der bis zur 90. Minute kämpft, musste Emmanuel ums Überleben kämpfen.
Heute ist er dreißig Jahre alt, hat einen sicheren Job im Gesundheitswesen, eine Familie, ein Trikot mit der Aufschrift „Starter“ bei Silì Calcio und ein Land, das ihn ruft. Vor zehn Jahren stand er jedoch vor einer schweren Entscheidung: wegzugehen. Nicht um einen Traum zu verwirklichen, sondern um zu überleben. Er wurde in Nigeria geboren, einem Land, das von einem Konflikt gezeichnet ist, der keine Alternative zulässt. Als junger Erwachsener verabschiedet er sich von seiner Familie und spart 1.500 Dollar, um die Überfahrt nach Europa zu wagen. Er ist überzeugt, dass das Meer das größte Hindernis darstellt. Er wird eines Besseren belehrt werden.
Fünf Monate brauchte er, um Tripolis zu erreichen. Er durchquerte Nigeria und Niger in klapprigen Lieferwagen, zusammengepfercht mit anderen jungen Männern. Sie reisten nachts, aßen kaum etwas und tranken noch weniger. Dann kam er nach Libyen, wo die Zeit stillzustehen schien. Dort blieb er fast ein Jahr. „Es war die schlimmste Zeit.“ Er wurde ausgeraubt, verlor sein Handy und sein Geld und wurde mit einem Freund in einem Zimmer eingesperrt, ohne zu wissen, ob und wann er wieder herauskommen würde. Sie entkamen durch ein Dachfenster. „Wir hatten keinen Plan. Wir hatten einfach nur Angst.“
Jemand hilft ihnen, bietet ihnen Essen an, weist ihnen den Weg. Emanuel spürt den Schmuggler auf und wird zu einem zweistöckigen Bauernhaus gebracht. Drinnen befinden sich fast zweihundert Menschen: Männer im Erdgeschoss, Frauen im Obergeschoss, alle warten auf die richtige See. Ein quälendes Warten. Bis eines Tages der Besitzer hereinplatzt und brüllt: Sie müssen sofort fliehen! Sie fliehen. Augenblicke später zerstört eine Bombe das Gebäude. „Wären wir dort geblieben, könnten wir diese Geschichte heute nicht erzählen.“
Das Meer ist nicht gnädiger als das Land. Hundert Menschen in einem Schlauchboot, die Dunkelheit, die hohen Wellen. „Ich betete, und ich dachte, es sei mein letztes Gebet.“ Dann die Lichter eines Schiffes, die Sichtung, die Rettung. Nach zwei Nächten taucht die Küste Sardiniens auf. Er geht in Cagliari von Bord und wählt Oristano, einigen Bekannten folgend. In Cabras beginnt sein zweites Leben: Er lernt Italienisch, macht seinen Schulabschluss und arbeitet, wo immer er kann – auf den Feldern, in den Reisfeldern, in einer Autowerkstatt.
Und dort begegnet er der Frau, die er seinen „Engel“ nennt: einer Kulturvermittlerin, die ihm hilft, ihn begleitet und ihm zuhört. Mit der Zeit entwickelt sich daraus Liebe. Fußball wird wieder zu einer Konstante: Cabras, Santa Giusta, dann Arbus, bis hin zur Eccellenza. Nebenbei bildet er sich weiter und erwirbt seine Qualifikation als Sozialarbeiter im Gesundheitswesen. „Ich kümmere mich gern um andere. So kann ich etwas von dem zurückgeben, was ich selbst erfahren habe.“
2020 wurde Futura geboren, „wie in dem Lied von Lucio Dalla“. 2022 kam Samuel zur Welt, benannt nach einem kleinen Bruder, der nicht mehr unter uns weilt. Der Umzug nach Silì liegt sechs Jahre zurück. „Es ist mein Zuhause.“ Heute schießt Emanuel Tore für die Biancoceleste, sein letztes am vergangenen Samstag, sein achtes in dieser Saison. Zwei Symbole existieren in seinem Herzen nebeneinander, ohne Widerspruch. Und wenn er zurückblickt, sucht er weder Mitleid noch pathetische Worte: „Es ist eine traurige, aber auch eine schöne Geschichte. Denn sie hat mich hierher geführt. Hätte ich gewusst, dass ich am Ende mit der Familie zusammen sein würde, die ich heute habe, würde ich alles genauso wieder tun.“
