Jahrhundertelang war die europäische Bevölkerung der Gefahr von Hungersnöten ausgesetzt. Eine einzige Trocken- oder Regenzeit reichte aus, um Ernten zu vernichten, und die landwirtschaftlichen Erträge reichten oft kaum zum Überleben. Dann kamen aus Amerika bestimmte Pflanzen, die unseren Vorfahren halfen, die drohende Hungersnot abzuwenden. Dazu gehörten Kartoffeln und Mais, wetterresistente Pflanzen, die selbst auf sehr kargen Böden gediehen. Die Hungersnot wurde für die Menschen zu einer fernen Bedrohung, denn sie fanden in diesen Pflanzen einen Anker des Überlebens.

Heute stehen wir vor einer anderen Perspektive als unsere Vorfahren. In Europa gehört der Hunger der Vergangenheit an, doch wir stehen vor neuen Herausforderungen. In einer Zeit, die von Klimakrise, Artenverlust und der Standardisierung von Ernährungssystemen geprägt ist, brauchen wir erneut alternative Lösungen und die Fähigkeit, Neues in unsere Ernährung einzuführen. Etwas, das unserem Körper guttut und gleichzeitig die Gesundheit unseres Planeten schont.

Da wir keine anderen Amerikas mehr haben, in denen wir wie einst Kartoffeln und Mais Allheilmittel finden könnten, können wir versuchen, jenen Teil unseres pflanzlichen Erbes wiederzuentdecken, der in Vergessenheit geraten ist, aber relevanter denn je. Dies ist das Ziel des Buches „Hidden Botanics“ (Slow Food Editore, 2026, 18,00 €, 240 Seiten. Auch als E-Book erhältlich), geschrieben von Benedetta Gori, Ethnobotanikerin und Forscherin an der Universität Cagliari.

La copertina (foto Roveda)

Durch eine Kombination aus Wissenschaft, Kulinarik und persönlichen Erfahrungen erforscht Gori den ökologischen und ernährungsphysiologischen Wert von Pflanzen, die sich an karge Böden, Dürre und extreme Klimabedingungen anpassen können. Sorghum, Kichererbsen, Maulbeeren, Brennnesseln, weniger verbreitete Getreidearten, Hülsenfrüchte, Wildfrüchte, Wildkräuter und Randgemüse spielen eine zentrale Rolle in einer Geschichte, die Ökologie, Esskultur und kollektives Gedächtnis miteinander verwebt.

Jede Pflanze wird auf erzählerische und wissenschaftliche Weise beschrieben: Herkunft, Verbreitung, botanische und adaptive Merkmale, Rolle im Ökosystem … und natürlich ihre kulinarische Verwendung mit traditionellen Rezepten. Vor allem aber erzählt jede Pflanze eine Geschichte: von Menschen, von Regionen, von ländlichen Gemeinschaften, vom Wissen der Bauern und von der Volksküche.

Von den Bergen bis zu den Ebenen, von Afrika bis Europa – die Seiten dieses Buches zeigen, wie eng landwirtschaftliche und kulturelle Biodiversität miteinander verwoben sind und wie Nahrung zu einem Instrument für ökologische und soziale Resilienz werden kann. Denn das Kennenlernen und Genießen vergessener Pflanzen ist keine nostalgische Angelegenheit, sondern ein konkreter Schritt, um unsere Abhängigkeit von vereinfachten Agrarmodellen zu verringern, den Genuss am Tisch zu steigern und echte Nachhaltigkeit zu schaffen.

© Riproduzione riservata