Die Schwere der Wahrheit in Daniela Dawans „Die Schuld des Schweigens“
Gerechtigkeit, Erinnerung und Identität stehen im Mittelpunkt von Morellinis neuem Roman.Daniela Dawan
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Jeder von uns erschafft sich seine eigene Komfortzone, ein künstliches Paradies, das manchmal eher einem Gefängnis gleicht, in dem wir uns aber nicht unseren eigenen Schwächen, unseren Grenzen und unseren Ängsten stellen. Jeder von uns hat etwas, das wir uns selbst nicht einmal eingestehen, etwas Unaussprechliches, selbst wenn wir schweigen und mit unseren Gedanken allein sind. Jacopo Cardoso, der Protagonist von „La colpa di tacere“ (Morellini, 2026, 18,00 €, 178 Seiten. Auch als E-Book erhältlich), dem neuen Roman von Daniela Dawan, ist da keine Ausnahme.
Cardoso ist Richter am Obersten Gerichtshof. Vor allem aber ist er ein strenger und gequälter Mann. Gewohnt, sich innerhalb der Grenzen des Gesetzes zu bewegen, anstatt die Wahrheit ans Licht zu bringen, gerät er in eine Krise, als er in ein Verfahren verwickelt wird, das die Frage nach dem Wesen der Gerechtigkeit selbst berührt. Ihm wird die Berufung im Fall des Massakers von Prati del Vezza anvertraut, einem fiktiven Ort, der von realen Massakern während der Nazi- und Faschistenherrschaft inspiriert ist. Jacopo sieht sich mit vergilbten Akten und erschütternden Zeugenaussagen konfrontiert, die unerwartete Verbindungen zu seiner Familiengeschichte offenbaren: Sein Vater, als Held gefeiert, ist vielleicht ein Komplize; seine geliebte, betagte Mutter hütet eine schmerzhafte, nie ausgesprochene Erinnerung. Beim Rekonstruieren jahrzehntealter Ereignisse offenbart Cardoso einen Bruch, der auch sein Privatleben durchdringt – ein Bruch, der auf dem Schweigen und den Lügen beruht, die seine öffentliche Identität aufrechterhalten.
Konfrontiert mit der kollektiven Erinnerung an ein von Krieg und Widerstand geprägtes Italien, muss Jacopo sich mit dem auseinandersetzen, was er stets vermieden hat: Wie viel wiegt das Schweigen? Kann man in einer ungerechten Welt gerecht sein? Legalität und Gerechtigkeit, historisches Gedächtnis und individuelle Verantwortung, öffentliche Identität und private Wahrheit prallen aufeinander. Während Familiengeheimnisse nach und nach ans Licht kommen, muss Jacopo entscheiden, ob er Gefangener der Lügen bleibt oder alles für die Wahrheit riskiert. Doch welchen Preis ist er bereit zu zahlen, um sich von der Schuld des Schweigens zu befreien?
Mit „Die Schuld des Schweigens“ gelingt Daniela Dawan ein eindringlicher Roman, in dem sich eine gerichtliche Untersuchung, ein Familiendrama und der persönliche Befreiungsweg der Protagonistin zu einer Geschichte verweben, die bis zur letzten Seite von moralischer Spannung durchdrungen ist. Das Buch ist als Untersuchung des Verhältnisses von Legalität und Gerechtigkeit, von öffentlicher und privater Wahrheit, von historischer Erinnerung und individueller Verantwortung angelegt. Am Ende erhält der Leser keine endgültigen Antworten, sondern wird mit offenen, aber dennoch grundlegenden und universellen Fragen konfrontiert: nach der Last verleugneter Identitäten, nach der Weitergabe von Schuld und Erinnerung und nach den individuellen und gesellschaftlichen Kosten der Wahrheit. Denn die Wahrheit befreit uns, aber sie kann unweigerlich verletzen und mit ziemlicher Sicherheit etwas oder jemanden zerstören.
