Giovanni Falcone bot seine ganz eigene Interpretation der Mafia an: „Die Mafia, ich wiederhole es noch einmal, ist kein Krebsgeschwür, das sich zufällig auf gesundes Gewebe ausgebreitet hat. Sie lebt in perfekter Symbiose mit unzähligen Beschützern, Komplizen, Informanten, Schuldnern aller Art, großen und kleinen Drahtziehern, eingeschüchterten oder erpressten Menschen aus allen Gesellschaftsschichten. Dies ist der Nährboden für die Cosa Nostra mit allem, was dazugehört: direkt oder indirekt, bewusst oder unbewusst, freiwillig oder erzwungen, oft mit der Unterstützung der Bevölkerung.“

Laut dem Richter, der 1992 beim Massaker von Capaci getötet wurde, könnte die Mafia in einem Umfeld, dem die menschlichen und sozialen Voraussetzungen für ihr Wachstum und ihre Ausbreitung fehlen, nicht existieren. Es stimmt, dass es nicht einfach ist, in einem Umfeld zu leben, das von mafiaähnlichen Regeln und Verhaltensweisen geprägt ist, ohne selbst verstrickt oder zum Opfer zu werden. In solchen Situationen braucht es unbestreitbar Mut, Ausdauer und die Fähigkeit, sich von der Norm abzuheben. Kurz gesagt: Man muss von den üblichen Regeln und Mustern abweichen.

Genau das tat der sizilianische Unternehmer Sebastiano Buglisi in seinem Leben, der zusammen mit dem Journalisten Antonio Armano das Buch L'antimafia dei fatti (Baldini+Castoldi, 2026, S. 144, auch als E-Book erhältlich) verfasste.

La copertina del libro

„Ja, ich hatte Angst. Dann hörte die Angst auf“, erzählt Buglisi in seinem Buch, das seine Geschichte als untypischer Mann und Unternehmer in einer sizilianischen (und italienischen) Welt nachzeichnet, die von Kompromissen, Vetternwirtschaft und Einschüchterung geprägt ist. Sebastiano Buglisi, 1948 in der Provinz Messina geboren, wuchs in einer anspruchsvollen und traditionsbewussten Welt auf, in der Arbeit früh gelernt wird. 1984 gründete er EdS und entwickelte das Unternehmen im Laufe der Zeit von einem kleinen Bau- und Erdbauunternehmen zu einem gut organisierten Konzern mit über 300 Mitarbeitern. Unter seiner Führung war EdS an national bedeutenden Projekten in den Bereichen Transport, Telekommunikation und Energie beteiligt. Vor allem aber lehnte Buglisi als Unternehmer jegliche Kompromisse mit der Mafia ab und wählte einen klaren Weg: Anzeigen erstatten, aussagen und die Dinge bis zum Ende durchziehen.

Drohungen, Sachbeschädigung und Druck halten ihn nicht auf. Seine Berichte bringen Mitglieder fast aller Mafiaorganisationen ins Gefängnis: Cosa Nostra, 'Ndrangheta und Sacra Corona Unita – ein in der italienischen Mafialandschaft seltenes Vorgehen, das weit entfernt von jeglichem Streben nach öffentlicher Aufmerksamkeit ist.

Doch als er einen Mafia-Informanten anheuert, der seine Schuld beglichen hat, kommen Anschuldigungen und Verdächtigungen auf. Die Geschichte entfaltet sich daraufhin in den Widersprüchen der Anti-Mafia-Welt, wo Worte schwerwiegender sein können als Taten und einen jahrzehntelangen, geradlinigen Weg im Nu ins Wanken bringen.

Von der sizilianischen Atmosphäre mit Öllampen und Karren auf den Gipfeln der Peloritani-Berge bis hin zum Aufbau eines Unternehmens, das ins Visier des organisierten Verbrechens geriet, zeichnet „L’antimafia dei fatti“ das Bild eines Mannes, der nie nach Heldentum strebte, sondern stets das tat, was er für richtig hielt, selbst als es viel bequemer gewesen wäre, sich zurückzuziehen. Kurz gesagt, Buglisis Autobiografie thematisiert die Konsequenzen von Entscheidungen – Konsequenzen, die kein Bürger in einem Staat, der diesen Namen verdient, jemals tragen sollte.

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