Was blieb im Frühjahr 1945 von zwölf Jahren Nationalsozialismus in Deutschland übrig? Nur noch Ruinen. Materielle Trümmer, denn das ganze Land war durch jahrelange Bombenangriffe praktisch zerstört und nun völlig den feindlichen Armeen ausgeliefert. Geistige Trümmer, denn kaum mehr als ein Jahrzehnt Hitlers Propaganda hatte die Seelen der Deutschen vergiftet und den Weg für die Logik der Vernichtung, des Misstrauens, der Angst und der Verachtung für alles Fremde geebnet. Deutschland hatte Gräueltaten begangen und sollte nun weitere als Vergeltung erleiden. Und während sowjetische Truppen Berlin belagerten, schien es keinen Raum für die Zukunft zu geben. Manche kämpften, überzeugt, dass es besser sei zu sterben, als in einer Welt ohne Hitler zu leben. Andere begingen Selbstmord, anstatt in die Hände jener Russen zu fallen, die das NS-Regime als unmenschliche Bestien dargestellt hatte. Viele erwarteten das Ende, völlig erschöpft. Wieder andere suchten in den letzten Tagen des Dritten Reiches in einem Wettlauf gegen die Zeit nach unmöglichen Fluchtwegen.

Dies ist der Schauplatz von Andrea Fredianis neuestem Roman „Die Nacht der Verräter“ (Newton Compton Edotori, 2026, 12,90 €, 352 Seiten. Auch als E-Book erhältlich), einem Thriller, der uns ins Deutschland des Untergangs Hitlers entführt. Hier begegnen wir zwei Freunden und zugleich Feinden, Konrad und Alois, die überlaufen, um Berlin vor dem Fall an die Sowjets zu erreichen. Jahrelang haben sie im Rahmen des Linzer Projekts zusammengearbeitet und unbezahlbare Kunstwerke von ihren oft jüdischen Besitzern gestohlen. Trotz dieser Zusammenarbeit und ihrer fast ewigen Freundschaft sind die beiden grundverschieden. Konrad ist ein überzeugter Nazi, aber auch ein pragmatischer Mann.

Er versteht, dass sich alles ändern muss, damit alles so bleibt, wie es ist. Für ihn hat der Nationalsozialismus eine Schlacht verloren, doch der Kampf um die Vorherrschaft ist noch lang. Er will einfach nur überleben und auf bessere Zeiten warten. Alois erwacht aus einem jahrelangen Fluch. Er war Teil des Systems, doch er erholt sich von der Seuche, die seit 1933 fast alle Deutschen befallen hat. Er glaubt, die Trümmer um ihn herum seien der eindeutige Beweis für die Fehler und Gräueltaten des Nationalsozialismus. Er will keine Ausreden. Er will eine zweite Chance.

Beide verfolgen jedoch ein klares Ziel: Sie wollen ihre Verbindung zu Joseph Goebbels nutzen, um an die Gemälde zu gelangen, die sie einst mit gestohlen und beschlagnahmt haben, und sie gegen Sicherheit eintauschen. Es beginnt ein dramatischer Wettlauf gegen die Zeit, eine Reise in den Schrecken einer Front, die nicht nur von Bombenangriffen und Plünderungen, sondern auch von Massenselbstmorden, Flüchtlingsströmen und Deportierten, verlassenen Konzentrationslagern, Zerstörung und Trümmern gezeichnet ist. Doch das ist noch nicht alles. Da sind die Banden fanatischer Jugendlicher des Werwolfs (eines direkten Ablegers der SS), die reisenden Kriegsgerichte, die Defätisten hinrichten, die Gestapo-Einheiten auf der Jagd nach Deserteuren – sie alle erweisen sich als gefährlicher und skrupelloser als ihre Feinde. Die Spannungen zwischen Konrad und Alois spitzen sich zu und gipfeln in einem Showdown in der belagerten Hauptstadt und einem Treffen mit dem NS-Führer, direkt in der letzten Bastion der Macht: Hitlers Bunker. Wer von Konrad und Alois wird überleben und beim Aufbau eines neuen Deutschlands helfen?

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