Gestern Abend herrschte in der Pinacoteca di Oristano eine selten erlebte Atmosphäre: Kultur, die nicht ausgestellt, sondern einfach präsent ist. Ein großes und vielfältiges Publikum füllte den Saal zur Präsentation von „Alfabeti/Alphabets“, der Zeitschrift der Biennale von Venedig. Zwei außergewöhnliche Gäste – Pietrangelo Buttafuoco, Präsident der Biennale, und Debora Rossi, Redaktionsleiterin der Zeitschrift und Leiterin des Historischen Archivs – brachten die Veranstaltung nach Venedig. Die Gastgeberin, Silvia Loddo, Direktorin der Pinacoteca, die eine eher informelle Verbindung zur Biennale hat, da sie für die Institution im Bereich der Archivforschung tätig war, führte die beiden in einen Dialog und schuf Raum für Reflexion, ohne dabei jemals ins Dekorative abzudriften.

Eine Metapher zog sich wie ein roter Faden durch den Abend und tauchte immer wieder im Gespräch auf: Eine Henne, die ausfliegt, Samen sucht und zurückkehrt, stets mit etwas Neuem und Kostbarem im Gepäck. Ein einfaches, fast häusliches Bild, das aber außerordentlich treffend beschreibt, was „Alfabeti“ erreichen will und was Kunst in ihrer authentischsten Form seit jeher ausmacht: Sammeln. Zurückkehren. Bereichern. In dieser Spannung zwischen Aufbruch und Rückkehr findet die Zeitschrift ihre Daseinsberechtigung. Keine Publikation, die man gedankenverloren durchblättert, sondern ein Objekt, das man bewohnt, so wie man einen Ort bewohnt. Und Buttafuoco sprach mit seiner charakteristischen Ausdruckskraft von Orten. Von der Bedeutung des Seins im vollen Sinne des Wortes, vom Verweilen an einem Ort, vom Erkennen einer Gemeinschaft, vom gemeinsamen Aufbauen. Ein Konzept, das sich diametral der Logik bienenstockartiger Konstruktionen entgegenstellt, jener anonymen und seriellen Architekturen, die der Existenz ihren Sinn rauben und Entfremdung statt Zugehörigkeit erzeugen. Wohnen ist ein kultureller und politischer Akt, noch bevor es ein physischer ist. Es ist also kein Zufall, dass eine Zeitschrift wie „Alfabeti“ in Oristano gegründet wurde, der Heimat von Künstlern, die es gewohnt sind, sich mit Keramik auseinanderzusetzen. „Diese Wahl ist absolut schlüssig“, betonte Buttafuoco. „Kein Ort ist unschuldig, kein Detail jemals. Und ein Projekt, das sich mit Sprache, der Suche nach Wahrheit und dem Bedürfnis, diese zu pflegen, beschäftigt, findet in Oristano ein Zuhause, das dies anerkennt.“

Debora Rossi hingegen öffnete ein Fenster zum Reisen, sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne. Eine Reise auf den Spuren Marco Polos, von Venedig in die Mongolei, von Indien in den Nahen Osten, bis nach China. Alles, was von Impulsen getrieben ist, erklärte sie, ist auf zwei Pole ausgerichtet: Afrika und Asien. Realitäten, die weit jenseits unserer gewohnten Vorstellungskraft liegen und doch imstande sind, im Laufe der Zeit greifbare und faszinierende Vermächtnisse zu hinterlassen, Ausdruck einer unvergänglichen Vitalität. Jahrtausendealte Zivilisationen, die nach Zeitgenossenschaft streben, nicht indem sie ihre Wurzeln verleugnen, sondern indem sie von ihnen ausgehen. Eine Welt, die pulsiert, die sich bewegt und die das Magazin mit dem Ernst derer zu beschreiben versucht, die wissen, dass jedes geschriebene Wort einer Wahrheit entspricht.

Und dann ist da noch das Papier. „Alfabeti“ ist eine gedruckte Zeitschrift, nicht aus Nostalgie oder Snobismus, sondern aus Überzeugung. Denn Papier ist Materie, Substanz, Präsenz. Man kann es berühren, biegen, tragen. Es widersteht der Zeit gerade deshalb, weil sie physisch durch es hindurchfließt. In einem Zeitalter, das alles entmaterialisiert, ist die Wahl von Papier fast ein Akt des Widerstands, oder besser gesagt, der Treue zur Schönheit. Und hier fand der Abend seinen tiefsten Kern. Das Staunen wohnt nicht im Abstrakten. Es wohnt im Konkreten, in der Materie, in Händen, die kneten, Fingern, die eine Seite umblättern, in der Henne, die pickt und reich wird. Es ist etwas, das geschieht, wenn man bereit ist, sich davon überraschen zu lassen. Oristano erinnerte sich gestern Abend daran.

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