Marco Arrais: „Arbeitssicherheit ist kein Dokument. Sie ist eine Kultur.“
Der sardische Berater, über den bereits ein Artikel in einer nationalen Zeitung erschienen ist, spricht nun erneut über Sicherheit in Unternehmen: zwischen ignorierten Vorschriften, wiederkehrenden Fehlern und einem professionellen Modell, das Recht und Technologie in einem einzigen Ansatz vereint.Per restare aggiornato entra nel nostro canale Whatsapp
In Italien verzeichnete das INAIL im Jahr 2024 über 585.000 Arbeitsunfälle. Diese Zahl sorgt regelmäßig für Schlagzeilen, befeuert Debatten und führt zu neuen Rundschreiben, doch sie schlägt sich kaum in tatsächlichen Veränderungen der Unternehmenspraxis nieder. Marco Arrais, Gründer der Rechts- und Technikberatungsfirma auf Sardinien, über den ein Artikel in einer nationalen Zeitung erschien, hat eine klare Vorstellung davon, wo das eigentliche Problem liegt.
„Weil Sicherheit allzu oft als formale Verpflichtung betrachtet wird“, erklärt er. „Wir denken an das Dokument, die Unterschrift, das einzuschlagende Vorgehen. Doch wahre Sicherheit ist etwas anderes: Sie bedeutet, wirklich zu verstehen, wie ein Unternehmen funktioniert, wo die Risiken liegen und wie man sie konkret verhindern kann.“
Viele Regeln, wenig Inhalt
Man fragt sich natürlich, ob das Problem in der Qualität der italienischen Gesetzgebung liegt. Arrais' Antwort ist eindeutig: „Absolut nicht. Italien verfügt über eine sehr fortschrittliche Gesetzgebung. Die Herausforderung besteht darin, sie korrekt anzuwenden. Und dazu braucht man nicht nur theoretische Kenntnisse. Man muss das Gesetz lesen können, aber auch Produktionsprozesse, Maschinen, Arbeitsorganisation und betriebliche Dynamiken verstehen.“
Ein grundlegender Unterschied, der in der täglichen Praxis entscheidend ist. Die Normen zu kennen, genügt nicht: Man muss wissen, wie man sie auf die spezifischen Gegebenheiten jedes Unternehmens mit seinen Räumlichkeiten, Maschinen und Arbeitsabläufen anwendet. Genau diesen Schritt verfehlen viele Unternehmen und verlassen sich stattdessen auf standardisierte Lösungen, die ihre Realität nicht widerspiegeln.
Die doppelte Kompetenz, die alles verändert
Im Zentrum der Arrais-Methode steht eine klare Entscheidung: die Integration von juristischer und technischer Expertise in einer einzigen Fachkraft, wodurch die traditionelle Trennung zwischen Rechtsberater und Sicherheitsmanager abgelehnt wird.
„Sicherheit ist die Schnittstelle zwischen Recht und Technologie“, erklärt er. „Fehlt einer dieser beiden Aspekte, versagt das System. Ein rein technischer Ansatz birgt die Gefahr, Verantwortlichkeiten und regulatorische Aspekte zu vernachlässigen. Ein rein juristischer Ansatz birgt die Gefahr, den Bezug zur operativen Realität zu verlieren. Ich habe mich bewusst für die Integration beider Kompetenzen entschieden, um genau diese Lücke zu schließen.“
Eine Vision, entstanden aus der direkten Beobachtung, wie Unternehmen funktionieren – oder scheitern –, wenn sie mit fragmentiertem Compliance-Management konfrontiert sind. Zwei Berater, zwei verschiedene Sprachen, zwei Visionen, die selten miteinander in Verbindung stehen. Das Ergebnis ist allzu oft ein System, das zwar auf dem Papier konform erscheint, in der Realität aber erhebliche Mängel aufweist.
Drei Fehler, die Unternehmen entlarven
Bei seiner Arbeit auf Sardinien sieht sich Arrais mit denselben wiederkehrenden Herausforderungen konfrontiert. Er fasst sie in drei Punkten zusammen: „Standardisierte Risikobewertungen, schlecht strukturierte Aufgabenverteilung und Schulungen, die oft eher formal als inhaltlich fundiert sind. All dies sind Elemente, die das Unternehmen im Falle einer Inspektion oder eines Unfalls sehr ernsten Haftungsrisiken aussetzen können.“
Drei Fehler mit einem gemeinsamen Nenner: Sicherheit wird als abzuarbeitende Prozedur betrachtet, nicht als System, das aufgebaut und im Laufe der Zeit gepflegt wird. Dokumente werden massenhaft erstellt, Kurse nur aus Pflichtgefühl absolviert und Aufgaben ohne klare Organisationsstruktur delegiert. Ein Ansatz, der bis zur ersten Inspektion oder, schlimmer noch, bis zum ersten Zwischenfall fortbestehen kann.
Hinzu kommt ein besonders häufiger Fehler: erst dann einzugreifen, wenn der Schaden bereits entstanden ist. „Das ist die teuerste Option“, sagt Arrais. „Wenn man erst nach einem Unfall oder einer Inspektion kommt, ist der Schaden bereits angerichtet: finanziell, rechtlich und für den Ruf. Vorbeugen ist hier entscheidend. Eine gute Beratung im Vorfeld hilft, kritische Probleme zu vermeiden und mit mehr Ruhe und Gelassenheit zu arbeiten.“
Kein Standardmodell: Jedes Unternehmen ist anders.
Wenn Arrais mit Menschen konfrontiert wird, die nach schnellen, standardisierten Lösungen suchen, ist er unmissverständlich: „Sie sollten sich auf einen qualifizierten Fachmann verlassen und ein maßgeschneidertes Sicherheitssystem entwickeln lassen. Es gibt keine Standardmodelle, die für alle funktionieren. Jede Situation hat ihre Besonderheiten und muss detailliert analysiert werden.“
Dieser Grundsatz gilt umso mehr für kleine und mittlere Unternehmen, das Rückgrat der sardischen Wirtschaft, denen es oft an festangestellten Mitarbeitern mangelt und die sich in einem immer komplexeren Regelwerk ohne verlässliche Orientierung wiederfinden. Ein zuverlässiger Experte, der sowohl die rechtlichen als auch die betrieblichen Aspekte beurteilen kann, ist in diesem Kontext kein Luxus, sondern eine absolute Notwendigkeit.
Eine Investition, keine Kosten
Die Botschaft, die Arrais an Unternehmer sendet, ist zugleich die strategisch wichtigste: „Betrachten Sie Sicherheit nicht als Kostenfaktor, sondern als Investition. Ein sicheres Unternehmen ist ein solideres, glaubwürdigeres und wettbewerbsfähigeres Unternehmen. Und vor allem ist es ein Unternehmen, das die Menschen, die dort arbeiten, wirklich schützt.“
Diese Sichtweise stellt die Art und Weise, wie die Einhaltung gesetzlicher Vorschriften allzu oft betrachtet wird, auf den Kopf: nicht als eine Last, die es zu minimieren gilt, sondern als eine Chance, eine robustere, verantwortungsvollere und attraktivere Organisation für Kunden, Partner und die Menschen, die dort jeden Tag arbeiten, aufzubauen.
In einer Zeit, in der die Sicherheit am Arbeitsplatz immer stärker im Fokus von Gerichten, behördlichen Kontrollen und der Öffentlichkeit steht, entspricht das von Marco Arrais vorgeschlagene und bereits in einer überregionalen Zeitung gelobte Modell weiterhin einem realen und wachsenden Bedarf. Es geht nicht um bloße Einhaltung von Vorschriften, sondern um echte Sicherheit.
