„Das Patriarchat in der neuen Weltordnung“: Claudia Sarritzus neuer Essay ist jetzt im Buchhandel erhältlich.
Die Autorin, eine Journalistin aus Cagliari, beschäftigt sich seit Jahren mit Sprache, Geschlechterpolitik und sozialem Wandel.Per restare aggiornato entra nel nostro canale Whatsapp
Das Patriarchat muss Frauen nicht von der Macht fernhalten. Es kann sie einbeziehen, sie sogar (manchmal) an die Spitze bringen, solange sie die Spielregeln nicht verändern. Dies ist die These von Claudia Sarritzus Aufsatz „Patriarchat in der Neuen Weltordnung: Verantwortung weiblicher Führungskräfte und weiblicher Machismo“ (Catartica Edizioni, Reihe Ziggurat, 2026, 168 Seiten): Die Präsenz von Frauen in Machtpositionen geht nicht mit einer Transformation der Macht einher, sondern mit der Anpassung der Machthaber. Kurz gesagt: Eine Frau kann die gläserne Decke durchbrechen, doch sobald sie an die Macht gelangt, bleiben die Mauern des Systems intakt.
Die aus Cagliari stammende Journalistin Sarritzu forscht seit Jahren zu Sprache, Geschlechterpolitik und sozialem Wandel. Sie schrieb für Globalist über nationale und internationale Politik, arbeitete beim Radio und bearbeitete Videointerviews für Tiscali. Sie ist Autorin der Essays „Sardinien ist etwas ganz anderes“ und „Vorausschauende Worte: Feminismus des dritten Jahrtausends“, das 2019 mit dem Giuditta-Nationalpreis für Sachliteratur ausgezeichnet wurde.
Der Essay beginnt mit einem schmerzhaften und konkreten Bild: den rot lackierten Fingernägeln von Irina Filkina, die 2022 von Russen in Bukarest ermordet wurde. Er stellt sie den Körpern palästinensischer Frauen gegenüber, denen gegenüber westliche Empathie weniger präsent ist. Sind wir also nur dann in der Lage, Gewalt zu erkennen, wenn das Opfer uns ähnelt? Sarritzu erweitert damit den Feminismusbegriff und löst ihn aus den Grenzen der Chancengleichheit, um ihn in seiner intersektionalen Dimension zu verstehen, in der Geschlecht, Rassismus, Kolonialismus, Klasse, Homophobie und Ableismus als Zahnräder in derselben Machtstruktur wirken.
Es gibt keine Geschichte im engeren Sinne, sondern vielmehr ein Netz von Argumenten, das sich in konzentrischen Kreisen entfaltet: von Familie und Sexualerziehung über Recht, Arbeit, Literatur und Sprache bis hin zur Geopolitik. Das gewählte Format ist das eines vielstimmigen investigativen Essays: Die kämpferische Stimme des Autors wird von Interviews mit Wissenschaftlern, Schriftstellern, Juristen und Zeitzeugen begleitet. Diese Interviews gehen über rein dokumentarische Zwecke hinaus; sie bilden ein System von Gegengewichten, das Warnungen einbringt und verhindert, dass die These zum Dogma verkommt.
Das eindringlichste semiotische Mittel ist das des Körpers als Territorium. Der weibliche Körper ist ein Raum, der bedeckt oder enthüllt, diszipliniert, erobert und als biologische und symbolische Grenze einer Gemeinschaft genutzt wird. Der Schleier, lackierte Nägel, der Mutterleib, die gläserne Decke, die Machtpyramide: Sarritzu entwirft ein Gefüge unmittelbar verständlicher Zeichen und übersetzt komplexe Kategorien in kraftvolle Bilder. Das Patriarchat wird zum Virus, zur verzerrenden Linse, zur invasiven Pflanze, zum alten Spiel mit manipulierten Regeln.
Der Stil ist direkt, mündlich und kämpferisch, bedient sich rhetorischer Fragen, Anaphern, emotionaler Steigerungen und Beschleunigungen. Er strebt nicht nach Neutralität, sondern nach einer klaren Positionierung. In den besten Passagen wird Wut zum Mittel zum Zweck, um die Worte zu hinterfragen und die simplifizierende Gleichsetzung von Frau in Führungsposition und feministischer Macht zu dekonstruieren.
„Patriarchat in der Neuen Weltordnung“ ist daher ein uneinheitlicher, lebendiger Essay, der eher durch die aufgeworfenen Fragen als durch endgültige Antworten relevant ist. Sein Wert liegt darin, die Diskussion von der Biologie auf die Struktur zu verlagern: Es kommt nicht darauf an, wer die Macht ausübt, sondern welche Grammatik verwendet wird. Denn eine Frau an der Spitze kann ein symbolischer Sieg sein; der politische Sieg beginnt jedoch erst, wenn sich die Art und Weise, wie regiert, Ressourcen verteilt, Körper beschrieben und Freiheit – oder besser gesagt, Freiheiten – konzipiert wird, grundlegend ändert.
