Über hundert Jahre lang lag es verborgen zwischen den Papieren eines Archivs, vergessen mit der Frau, die es komponierte: ein langes Lied in sardischer Sprache, eine lyrisch-narrative Klage, tief verwurzelt in der volkstümlichen Dichtung der Insel. „Heute wird dieser Text dank der Arbeit von Candida Carrino, Archivarin und promovierte Genderforscherin, wiederentdeckt. Sie widmet sich der Rekonstruktion der Erfahrungen von Frauen, die zwischen 1850 und 1950 in psychiatrischen Anstalten untergebracht waren“, erklärt Michela Poddighe, Direktorin des Staatsarchivs von Oristano . „Wir haben mit ihr zusammengearbeitet, um die biografischen Ereignisse von Anna Chiara Orro, der Autorin des Liedes, zu rekonstruieren.“ Anna Chiara Orro steht im Mittelpunkt zweier öffentlicher Veranstaltungen in den kommenden Wochen. Beide Veranstaltungen sollen einer weiblichen Erinnerung, die in den offiziellen Geschichtsdarstellungen lange Zeit marginalisiert wurde, wieder Raum und eine Stimme geben.

Das erste Treffen findet am Freitag, dem 28. August, um 18:30 Uhr im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Cabudanne de sos Poetas“ in Seneghe statt. Diese Veranstaltung hat die Stadt Montiferru seit Jahren zu einem Zentrum für sardische Poesie und Kultur gemacht. Dort präsentiert Candida Carrino ihr Buch „Luride, agitate, criminali. Un secolo di internmento femminile (1850–1950)“. Das Werk beleuchtet ein schmerzhaftes und wenig bekanntes Kapitel der italienischen Sozialgeschichte: die Geschichte der Frauen, die in psychiatrischen Anstalten eingesperrt wurden, oft aus Gründen, die wenig mit tatsächlichen psychischen Erkrankungen und viel mit ihrem Geschlecht zu tun hatten. Michela Poddigue, Direktorin des Staatsarchivs von Oristano, wird sich mit der Autorin unterhalten. Das Treffen bietet zudem die Gelegenheit, den Wert der sardischen Sprache in der gerichtlichen Zeugenaussage zu erörtern. Antonio Ignazio Garau, Sprachexperte für forensische Gutachten, wird dazu beitragen. Garau wird dem Publikum die Bedeutung der sardischen Sprache als Mittel zum Schutz der Rechte der vor Gericht Vorgeladenen erläutern – ein Thema, das eng mit der Geschichte von Anna Chiara Orro verknüpft ist, deren authentische Stimme uns durch ihre Muttersprache erreicht hat.

Die zweite Veranstaltung findet am Samstag, den 30. August, um 15:30 Uhr im Servicezentrum Pardu Nou im Rahmen der Nachmittagssitzung der Konferenz zum 70-jährigen Jubiläum von Pardu Nou mit dem Titel „Furchen der Zukunft“ statt. Die Sitzung mit dem Titel „Wollfäden, Papiergeister: Bildung, Schutz und Arbeit von Frauen im Tirso-Tal in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts“ bietet eine Reise durch Erinnerung und historische Forschung anhand von Archivquellen und beleuchtet die Rolle der Frauen als Protagonistinnen in den Prozessen der Teilhabe, Emanzipation und des gesellschaftlichen Wandels jener Jahre.

Beide Ereignisse verfolgen ein gemeinsames Ziel: den weiblichen Stimmen, die viel zu lange an den Rand der offiziellen Quellen gedrängt wurden, Würde und historische Bedeutung zurückzugeben. Die Geschichte von Anna Chiara Orro mit ihren „Liedern“ in sardischer Sprache wird so nicht nur zu einem wertvollen literarischen Dokument, sondern auch zu einem lebendigen Zeugnis der Nöte, Ungerechtigkeiten und der Widerstandsfähigkeit sardischer Frauen zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert.

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